Eduard Gaertner 1801-1877

Ausstellung im Museum Ephraim-Palais 
Poststr. 16, 10178 Berlin-Mitte 
vom 23. März bis 4. Juni 2001
 

 

 

 

 

 Plakat zur Ausstellung 

 

Im „Preußenjahr“ bietet das Stadtmuseum Berlin ein Sehvergnügen der besonderen Art: eine „Erinnerung an Berlin“ - so der Titel einer Bilderserie Eduard Gaertners. Dessen 200. Geburtstag am 2. Juni bietet den Anlaß zu einer Schau, die erstmals das gesamte Schaffen dieses preußischen Malers umfaßt, der weit über Preußens Grenzen hinaus agierte. Im Mittelpunkt seines Werkes aber steht Berlin, und die Ausstellungsbesucher können sich in die glanzvolle Gestalt der Residenzstadt während der Jahrzehnte zwischen Wiener Kongreß und Reichsgründung zurückversetzen. Wir erleben das Schloß als Zentrum des urbanen Gefüges, flanieren die „Linden“ am Forum Fridericianum entlang bis zum Brandenburger Tor, machen einen Abstecher zum Gendarmenmarkt oder den Quartieren der Handwerker um die Parochial-, Spittel- und Petrikirche. Auch eher Abseitiges in und vor den Toren Berlins, Industrieanlagen wie Borsig in Moabit, Vergnügungsstätten wie Krolls Wintergarten unweit des heutigen Platzes der Republik oder gutbürgerliche Wohnbauten wie die Landhäuser im Tiergarten, werden nicht ausgelassen. Von Uferwegen und Brücken eröffnen sich reizvolle Ausblicke auf Spree und Landwehrkanal, zudem bieten die Brücken selbst malerische Akzente.

Den Höhepunkt des mit Gaertners Augen unternommenen Spaziergangs bildet der Blick vom Dach der Friedrichswerderschen Kirche - in sämtlichen, erstmals nebeneinander gezeigten Fassungen des Panoramas. Wie sich über ein Jahrhundert später Kokoschka die höchsten Spitzen suchte, um aus der Distanz zu sehen, was in den Städten und mit den darin lebenden Menschen vor sich geht, so nutzte Gaertner die zu seiner Zeit populäre Form des Rundbildes, um den Charakter der Stadt mit Hilfe ihrer Tektonik zu deuten. Und da begegnet man in respektvollem Neben- und Miteinander Herrschaftlichem und Bürgerlichem, Muße und Geschäftigkeit, Vergangenheit und Gegenwart. Die tiefenperspektivische Staffelung kommt gelegentlich einer historischen Schichtung gleich.

Gaertner beschränkte sich nicht auf Berlin, sondern bezog die Schlösserlandschaft der Umgebung ein: Bellevue, Charlottenburg, Glienicke und Potsdam. Dies hat damit zu tun, daß der Künstler mit dem preußischen Herrscherhaus durch Aufträge verbunden war: Friedrich Wilhelm III. erwarb seit 1824 bis zu seinem Tode 1840 mehr als 20 Gemälde, Friedrich Wilhelm IV. vier weitere, Wilhelm I. immerhin noch eines; hinzu kommen etliche Aquarelle. In seiner Auseinandersetzung mit der Backsteingotik griff Gaertner noch weiter in die Mark aus, nach Chorin, Lehnin und sogar Perleberg. Es finden sich aber auch Darstellungen der drei märkischen Denkmäler, die Friedrich Wilhelm IV. in Auftrag gegeben hatte: Kurfürst Joachim Friedrich bei Köpenick, Kreuz auf dem Damm vor Kremmen und Schildhorn an der Havel. Persönliche Erinnerungen und dynastische Beziehungen veranlaßten Friedrich Wilhelm III., Ansichten von Paris und Moskau zu sammeln.

Indirekt hat es Gaertner diesem königlichen Gönner zu verdanken, daß er sich überhaupt zum Künstler entfalten konnte. Aus kleinen Verhältnissen stammend, hatte ihn seine Mutter während der napoleonischen Besetzung Berlins mit nach Kassel genommen, wo er ersten Zeichenunterricht erhielt. 1814 wurde er Lehrling in der Berliner Porzellan-Manufaktur, wo, seinem 1833 anläßlich der Aufnahme in die Berliner Akademie verfaßten Curriculum vitae zufolge, das Erlernte „außer einer oberflächlichen Lehre der Perspektive für meine Laufbahn eher hinderlich als förderlich [war], da ich nur Ringe, Ränder und Käntchens zu machen hatte“. 1821 trat Gaertner in das Atelier des Theater-Inspektors Carl Wilhelm Gropius als Dekorationsmaler ein, ein Jahr darauf beteiligte er sich erstmals an einer Ausstellung der Akademie der Künste. Aus dem Entgelt, das ihm Friedrich Wilhelm III. für das Gemälde „Die Schloß-Kapelle in Charlottenburg“ (1825) gewährte, finanzierte er dann den entscheidenden, dreijährigen Frankreichaufenthalt (1825-1827/28). Vermutlich riet ihm Gropius zu dieser Studienreise, der sich selbst in Paris weitergebildet hatte - ebenso wie der mit ihm befreundete Münchner Theater- und Architekturmaler Domenico Quaglio, in vieler Hinsicht ein Leitstern für die um 1800 geborene Künstlergeneration.

Gaertners Pariser Bilder zeigen eine deutliche Tendenz hin zu einer malerischen Auffassung, ohne daß die Linearität der frühen Arbeiten gänzlich aufgegeben wird. Man mag in diesem Wandel eine Synthese aus Elementen der klassizistischen und der romantischen Schule in ihrer Betonung der Komposition einerseits und des Kolorits andererseits sehen. Von entscheidendem Einfluß auf Gaertner dürfte eine Reihe englischer Aquarellisten gewesen sein, die nach 1800 das in weiten Teilen noch mittelalterliche Paris in seinem pittoresken Verfallszustand als bildwürdig entdeckten, und von denen Richard Parkes Bonington neben seinem Landsmann John Constable im Salon von 1827 für Furore sorgte. Die wichtigste Errungenschaft des Parisaufenthaltes war das Einfangen der „Luftperspektive“ mit den Mitteln der Farbe. Dieser Erfolg basierte auf der Erkenntnis, daß Luft nicht einfach unsichtbar ist, sondern je nach Wetterlage unterschiedliche Stufen von Helligkeit, Tonigkeit oder auch Transparenz annimmt. Gaertner ist in Paris innerhalb kurzer Zeit und anhand weniger Werke gereift. Hier entschied er sich für die Stadtvedute als dem Fach, in dem er vorrangig arbeiten würde. Dabei schuf er den Typus der historisch-aktuellen Landschaft, indem er Monumente der Vergangenheit in Bezug zum städtischen Gefüge der Gegenwart und ihrer Bewohner setzte. Damit waren die Grundvoraussetzungen für sein weiteres Werk geschaffen.

Nach Rußland reiste Gaertner 1837 anläßlich des Verkaufs einer Replik des Berlin-Panoramas an die Zarin Alexandra Feodorowna, einer Tochter Friedrich Wilhelms III. Auch 1838 verbrachte er mehrere Monate jeweils in St. Petersburg und in Moskau. Ein Jahrzehnt nach seinem Parisaufenthalt sah er sich erneut in zwei ihm völlig fremde Städte ein und war offenbar besonders von Moskau, seiner Weiträumigkeit und seiner exotisch anmutenden Architektur, fasziniert. Wie systematisch er sich die Stadt mit seinen Skizzen und Bildern eroberte, davon zeugt eine bei uns bislang völlig unbekannte Serie von zwölf Lithographien mit den Hauptsehenswürdigkeiten. Die dazu angefertigten Zeichnungen überreichte Gaertner in Zarskoje Selo dem Zaren, der sie seiner Gattin schenkte. Auch nach seiner Rückkehr nach Berlin beschäftigte sich Gaertner mit Motiven aus Moskau, so mit einem Panorama des Kreml, wobei die gewählte sakrale Form des Triptychons dem Bildgegenstand mit seinen vor dramatisch bewölktem Himmel gold schimmernden Kirchenkuppeln adäquat erscheint. Während dieses Werk von Friedrich Wilhelm III. angekauft wurde, erweist sich nach neuesten Forschungen die scheinbare Wiederholung der Mitteltafel als ein dem Panorama vorangehendes Familienporträt des Grafen Olsufjew, entstanden in dessen Auftrag - ein Ausweis der hervorragenden gesellschaftlichen Verbindungen, die Gaertner in Rußland knüpfte.

Mit dem Tod Friedrich Wilhelms III. verloren die Berliner Architekturmaler ihren wichtigsten Förderer. Unter seinem Nachfolger veränderten sich das politische Klima und der künstlerische Geschmack. Friedrich Wilhelm IV. war seit seiner Jugend ein glühender Anhänger romantisch-nationaler Ideen, die kulturellen Zeugnisse Italiens und Griechenlands sowie die mittelalterliche, „vaterländische“ Baukunst übten eine starke Faszination auf ihn aus. Dies schlug sich in seinen Bilderkäufen und - als Folge daraus - in Gaertners Suche nach neuen Themen nieder. Es ist bezeichnend, daß dessen aus heutiger Sicht spektakulärstes Bild der vierziger Jahre keine repräsentative Vedute ist, sondern eine kleine, wohl nie zum Verkauf bestimmte Ereignisdarstellung. Gezeigt wird eine Episode der Revolution 1848 in der „Schreckensnacht“ vom 18. auf den 19. März: die Barrikade in der Breiten Straße. Nicht propagandistischer Impetus, sondern Verunsicherung teilt sich in dem Aquarell mit, das innerhalb Gaertners Werk singulär geblieben ist. Von der Mehrzahl der massenhaft verbreiteten Akzidenzgraphiken unterscheidet es sich durch seine sachliche, wenngleich nicht undramatische Form. Auch wenn der Künstler scheinbar trotzig der erstürmten Schanze die schwarz-rot-goldene Fahne „aufpflanzt“ und seine Sympathien auf Seiten des durch monarchische Willkür zum Aufstand getriebenen Volkes liegen mochten, war er doch kein Umstürzler. Zu sehr sind seine sonstigen Bilder vom gesellschaftlichen Konsens geprägt.

Nach 1840 begab sich Gaertner auf zahlreiche Studienreisen, so nach Prag (1841/42), Ost- und Westpreußen (1845-1853), Anhalt (1858), Nord-, Mittel- und Süddeutschland sowie Österreich (1864-1870). Von seinen Aufenthalten in der Provinz Preußen erhoffte er sich offenbar durch Zusammenarbeit mit dem Konservator der Denkmäler des preußischen Staates, Ferdinand von Quast, künftige Illustrations-Aufträge in Zusammenhang mit der - politisch gewollten - Bestandsaufnahme der Architektur des Deutschen Ordens. Mit der im 13. Jahrhundert in Preußen siedelnden geistlichen Ritterschaft konnte sich Friedrich Wilhelm IV. sehr wohl identifizieren. Während jedoch dieses Projekt scheiterte, gelang es Gaertner, sich in Thorn einen kleinen Kundenkreis aufzubauen. Für den dortigen Copernicus-Verein begleitete er die Einweihung des unter nationalistischem Aspekt geplanten Denkmals des Astronomen mit einer Vielzahl an Darstellungen. Mit der Darstellung des Thorner Rathauses zielte er auf das Repräsentationsbedürfnis der lokalen Honoratiorenschaft.

Für Gaertner bildet die Architektur das Grundgerüst seiner Prospekte. Charakteristisch für ihn ist eine Dynamisierung des Bildraumes, die meist durch ungleich starke Verkürzung der Häuserfluchten bewirkt wird. Zum Leben erweckt Gaertner seine Bilder aber erst, indem er ihnen eine spezifische Atmosphäre verleiht. Als Stimmungsträger kommt zum einen der Staffage, zum anderen dem Licht und der Beleuchtung entscheidende Bedeutung zu. Es erstaunt allerdings, daß Gaertner den unterschiedlichen Phänomenen der Natur ohne Experimentierfreude nachging. Skizzierte er Landschaftliches, so legte er vor allem Wert auf die Struktur der Bäume oder des Geländes. Dabei nahm er eine mittlere bis große Distanz zu seinem Gegenstand ein, woraus sich eine Weite des Ausschnitts ergab, die im Extremfall seinen Panoramen entspricht. Als Porträtist hat er sich noch seltener betätigt, überwiegend handelt es sich um Freundschaftsbildnisse und Gelegenheitsarbeiten.

Es ist davon auszugehen, daß sich Gaertner technischer Zeichenhilfen bediente. In seinem Nachlaß finden sich etliche Federzeichnungen auf Transparentpapier, die wohl in Zusammenhang mit der Benutzung einer Camera obscura stehen und nun mit den ausgeführten Bildern konfrontiert werden. Eine aufsehenerregende Sammlung früher Photographien aus seinem Besitz erweist zudem das bislang nur vermutete Faktum, daß sich der Maler bei seiner Arbeit mit diesem zu seiner Zeit neuen Medium auseinandersetzte.

Seine letzten Jahre verbrachte Gaertner zusammen mit seiner Frau im Flecken Zechlin (heute Landkreis Ostprignitz-Ruppin), fern von seinen zahlreichen Kindern - von denen drei nach Amerika und Japan ausgewandert waren - und fern der neuen Reichshauptstadt, die sich zu einer hektischen Metropole zu entwickeln begann. Zuletzt wurde Gaertner wenig geschätzt. Seine Witwe sah sich gezwungen, den Künstlerunterstützungsfonds der Akademie der Künste um eine jährliche Summe von 150 Mark anzugehen. Ihr Antrag wurde abschlägig beschieden. Erst die „Deutsche Jahrhundertausstellung“ 1906 sah Gaertners Kunst mit neuen Augen. Hugo von Tschudi verglich sie mit der Bellottos. Noch einmal einige Jahrzehnte sollte es aber dauern, bis Gaertner erstmals in Einzelausstellungen gewürdigt wurde, 1968 im Berlin Museum und 1977 im Märkischen Museum; Veranstaltungen, die allerdings aufgrund der deutschen Teilung fragmentarisch bleiben mußten. So darf die jetzige Retrospektive den Charakter einer ersten Gesamtübersicht überhaupt für sich in Anspruch nehmen.


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  Stand: 28.03.01 webmaster@stadtmuseum.de